Kilauea Vulkan
AurorasBücher

Leseproben aus “Aurora und der Wächter des Wassers”

Prolog

Das Schreien drang durch den Wald und ließ die Waldzwerge und Elfen erzittern. Da war er wieder, zorniger und aggressiver als je zuvor. Was war geschehen?
Die Zwerge liefen aus allen Erdlöchern, Baumhäusern und Höhlen zusammen und versammelten sich auf einer bizarren Felsgruppe, welche die Menschen Elisabethenstein nannten. Unter diesem Namen konnten die Naturwesen sich nichts vorstellen. Für sie hieß der Platz Elfenstein, wegen der Wesen, die dort lebten. So hoch die Zwerge auch auf die Felsen kletterten, sie konnten nicht erkennen, von wo die Schreie kamen. Sie wussten jedoch, wer da schrie. Es war der mächtige Wasserdrache, der in seiner Höhle hinter dem alten Luthereichstollen lebte, dem Wasserstollen, der von den Menschen nach der alten Eiche benannt worden war, die in seiner Nähe wuchs und unter den Naturgeistern als ebenso mächtig galt wie der Wasserdrache. Doch diese Zeiten, in der sich alles im Gleichgewicht befand, waren leider vorbei. Der Eichengeist war müde und die Waldzwerge sorgten sich um ihn und um das, was hierdurch geschehen konnte. Denn der Wasserdrache hatte an Macht und Stärke gewonnen und seine Wut auf die Menschen wurde von Jahr zu Jahr größer, so wie die Energie der Eiche immer schwächer wurde.
Beim letzten Vollmond hatten die Zwerge dort am Fuße der Eiche oberhalb des Stollens eine Versammlung abgehalten. Die Waldzwerge vom gesamten Taunus fanden sich bei der alten Eiche ein, folgten dem Ruf des weisen, alten Baumgeistes und erfuhren wie erschöpft er war. Er sagte, dass die Zeit gekommen sei, von der seine Ahnen schon erzählt hatten: Die Zeit des Wassers sei gekommen, die Macht des Wasserdrachens kehre zurück. Der alte Baumgeist fuhr fort, dass er es lange nicht verstanden habe, da er damals zu jung gewesen sei, um die Bedeutung dieser Prophezeiung zu verstehen. Als er älter und sich der Tragweite der Worte bewusst geworden sei habe er es nicht wahr haben wollen. Doch nun könne er die Zeichen nicht mehr ignorieren. Die Zeit sei angebrochen und es müsse etwas geschehen. Er sei zu alt und schwach und brauchte ihre Hilfe.
Die Waldzwerge und Geister verstanden zunächst nicht, welche Bedeutung in seinen Worten lag. Sie fragten ihn aufgeregt, was geschehen war und was sie tun könnten. Sie hingen an seinen Lippen und mit jedem Wort, das er an sie richtete, wurden sie stiller. Ehrfurchtsvoll lauschten sie seiner Rede und begannen zu verstehen, was derzeit passierte und noch vor ihnen lag.
So erfuhren sie von dem alten Geist der Luthereiche, dass der Wasserdrache Jahrtausende lang friedlich in seiner Höhle geruht hatte, so friedlich wie das Vulkanwasser, das durch den Taunus strömte. Doch nicht nur die Ruhe des Wassers wurde von den Menschen gestört, auch die des Wasserdrachens, der dadurch in seinem Stollen tobte und wütete. Die Zwerge vermuteten, dass der Wasserdrache nicht nur wegen des Lärms der Menschen außer sich war, sondern auch, da man ihm sein kostbares Wasser nahm. Sie konnten sich keinen anderen Grund für seinen Zorn vorstellen, der so gewaltig war wie der Drache selbst. Es hieß, dass der Wasserdrache eine Quellnymphe in seiner Gewalt habe, die es zu befreien galt. Er hatte sie aus seiner Wut heraus in seine Höhle gebracht, um die Menschen zu strafen. Doch es sei ihm nicht bewusst, welche Kräfte er hierdurch in Bewegung gesetzt hatte, nicht nur in ihrer kleinen Welt am Fuße des Taunus.
Der Baumgeist flehte die um ihn versammelten Zwerge an ihm zu helfen, die Nymphe aus den Fängen des Drachens zu retten. Wenn das zarte Quellwesen nicht befreit und die Wut des Drachens nicht gedämpft werden würde, stünde nicht nur die Zukunft dieses Waldes sondern auch die der darin lebenden Naturgeister auf dem Spiel. Gleichfalls sei das Reich des Vulkanwassers bedroht.
An all diese Worte mussten die Waldzwerge nun denken, während sie auf dem Elisabethenstein den wütenden Schreien lauschten. War das der mächtige Wasserdrache? War er in ihrem Heimatwald unterwegs? Was war geschehen? Sie drängten sich dicht zusammen und lauschten den wütenden Schreien, die durch den Wald zogen und fragten sich immer wieder: Was war passiert?

Auzug aus Kapitel 1
Geheimnisvolle Türen


„Das ist ja wirklich eng hier, Kikino“, motzte Aurora. „Hoffentlich wird meine Blumenkette von dem Ruß an den Wänden nicht geschwärzt.“ Auroras Worte klangen dumpf und sie wusste nicht, ob Kikino sie gehört hatte. Er flog stumm weiter und Aurora wunderte sich, wie gut er sich in diesem Tunnelsystem auskannte. Sie war selbst in einem Vulkan Zuhause, doch solch ein Labyrinth an Gängen hatte sie noch nie gesehen. „Wohin fliegen wir denn? So groß sah der Vulkan von oben gar nicht aus!“
„Lass dich überraschen, Aurora. Wir sind gleich da“, antwortete Kikino. Dabei flog er im Sturzflug eine etwas breitere Lavaröhre steil nach unten.
Wohin führt dieser Weg nur, dachte Aurora. Und warum war ich noch nie hier? Ihre bunte Blumenkette wirbelte wild um ihren Hals und die Blüte im Haar war verrutscht, doch das war im Moment ihre geringste Sorge. Kikino wurde immer schneller und sie hoffte, dass diese Landung etwas sanfter werden würde als sie es von Kikino gewohnt war.
„Vorsicht, Kikino! Nicht so schnell“, schrie sie. Doch ihr Freund reagierte nicht darauf und raste unbeirrt weiter nach unten. Etwas Helles blitzte ihnen aus der Tiefe entgegen und Aurora hoffte, dass ihr Flug bald beendet sein würde. „Kikino, langsam, da kommt schon der Boden auf uns zu. Wir haben doch keinen Airbag.“
„Aurora, du bist köstlich“, kicherte Kikino. Seine Stimme kam kaum gegen den Wind an, der Aurora entgegenblies. Was war das? Das war nicht nur der Flugwind, dachte sie, doch Kikinos Kichern lenkte sie von dem gerade Bemerkten ab. „Du warst wirklich zu lange in der Menschenwelt. Wieso brauchen Drachen Airbags? Wir haben doch nicht solche überfüllten Flugbahnen wie die Menschen und bauen keine Unfälle.“
„Ähm, bist du sicher, Kikino? Mir wird ganz schlecht, so schnell wie du fliegst und -“
Das Ruckeln, mit dem Kikino landete, unterbrach Aurora und brachte sie aus ihrem Konzept. Staub wirbelte auf und hüllte die beiden Freunde ein. „und landest“, beendete Aurora ihren Satz und räusperte sich. Dann schüttelte sie sich den Staub von ihrem gelben Hosenanzug und inspizierte ihren Blumenschmuck, der sichtlich gelitten hatte. „War das nötig, Kikino?“
Dieser klopfte sich nur etwas die Schwärze von seinen pinkfarbenen Schuppen und lachte Aurora mit vor Freude glänzenden Augen an. „War das nicht toll? Ich weiß doch, dass du das auch vermisst hast. Es war bestimmt langweilig ohne mich.“
Aurora ignorierte seine Worte und betrachte noch einmal ihre Kleidung. Da ist erst einmal nichts zu machen, dachte sie. Ihre zitronengelbe Filzjacke und die ebenso gelbe Hose leuchteten kaum noch unter der Staubschicht hervor. Nur kurz war sie hierüber betrübt, denn schon regte sich die Neugier wieder in ihr.
„Das war ein doller Auftritt, Kikino. Wirklich! Aber nun sag mir wenigstens, was wollen wir hier?“
Kikino wies in die Richtung, in welcher der Lavatunnel weiter ging und von wo Aurora wieder ein helles Blitzen bemerkte. „Dort müssen wir hin. Wenn du magst auch gerne zu Fuß“, ulkte Kikino. „Es ist nicht mehr weit.“
„Okay“, seufzte Aurora. „Aber dann erkläre mir doch endlich, was wir hier wollen und was es mit dem sonderbaren Vogel zu tun hat.“
Aurora folgte ihrem Drachenfreund und hatte das Gefühl, der Tunnel nehme kein Ende. Immer weiter liefen sie durch den dunklen Gang, dem hellen Licht hinterher. Auf dem Boden lagen unzählige, grün funkelnde Olivinsteine. An den Wänden sah man die Spuren der Lava, die hier vor langer Zeit hindurch geflossen war und dabei den Tunnel gebildet hatte. Aurora fühlte sich in solchen Lavagängen unbeschreiblich wohl. Sie liebte die unterirdischen Vulkangänge, in denen sie schon als Kind herumgetollt und gespielt hatte. Sie atmete die starke Energie ein, die aus den Wänden und dem Boden strahlte und ließ sie durch ihre Füße und Hände fließen. Auch jetzt spürte sie das Wohlbefinden, das sich hierdurch in ihrem Körper breit machte und das Zittern ihrer Hände und Füße beruhigte.
Endlich kam sie dem hellen Funkeln näher und das Ende der Lavaröhre war zu sehen. Aurora folgte Kikino aus dem Lavatunnel in eine große Höhle, in der es ungewöhnlich hell war. „Was ist das, Kikino?“, fragte Aurora und blieb an seiner Seite stehen. „Ich habe noch keine Vulkanhöhle gesehen, die so wunderschön strahlt und habe auch noch nichts darüber von meiner Familie gehört. Selbst Kristalllicht erwähnte sie nicht. Ich dachte, ich kenne die Vulkanlandschaft von Hawaii, aber nein, das übertrifft alles!“
„Gefällt es dir?“ Kikino strahlte Aurora bei dieser Frage an, als wolle er dem Licht in der Höhle Konkurrenz machen. „Ist das nicht schön?“

Auszug aus Kapitel 7
Die Zwergenbar “Zur Hohlen Eiche”


Während sich die besondere Reisegruppe langsam vom Schloss entfernte und Richtung Hexenturm weiter zog, winkte der Troll ihnen immer wieder freudig hinterher. Auch Sine und Delfinius drehten sich noch einige Male winkend um und erfreuten sich an der neu erwachten Lebensfreude des Trolls. Zumindest hier hatte der Wasserdrache etwas Positives bewirkt, dachten sie. War der Troll ihm jedoch tatsächlich gewachsen? Es wurde Zeit, den Drachen zu finden!
Vielleicht war er längst im Kurpark unterwegs und sie machten sich viel zu viele Gedanken? Was sollte er auch im Schloss? Sie mussten weiterzureisen und herauszufinden, was für ein Geheimnis im Park auf sie wartete. Der Gärtnerzwerg hatte angedeutet, dass es dort einmal eine Nymphenquelle gegeben hätte, die die Menschen jedoch vor langer Zeit zerstört hätten. Er hatte geglaubt, dass an dieser Quelle die Lösung ihrer Mission läge. Im Kurpark würden sie sie vielleicht finden. Mehr hätte er auch nicht gewusst und war froh gewesen, dass er sich wieder den Blumenbeeten widmen konnte und sie ihn nicht aufgefordert hatten, ihn zu begleiten. Er hatte es nicht ausgesprochen, doch seine Gedanken und Gefühle hatten auch ohne Worte die Reisenden erreicht, die ihn sehr gut verstanden hatten.
Nun hatten sie den Schulberg erreicht, in dessen Nähe es einen Zugang zu einem Parkhaus gab. So gut kannten sich die Naturwesen inzwischen mit den Menschen aus und wussten, was ein Parkhaus war. Delfinius und Sine hatten auf einer ihrer Reisen einmal beobachtet, dass die Menschen an vielen Orten mit ihren Autos in betonierte Höhlen fuhren und ohne diese Autos wieder zu Fuß heraus kamen. Neugierig schauten sie sich daraufhin diese Höhlen an, doch konnten sie nichts Interessantes darin entdecken. Die Autos standen dort ordentlich nebeneinander gereiht, in sehr sauerstoffarmer, schlecht riechender Luft. Die Naturgeister verstanden nicht, warum die Menschen dafür auch noch bezahlten? Denn auch das beobachteten sie. Sie dachten nicht weiter darüber nach, da die Menschen häufig sonderbare Dinge machten und das gleiche vermutlich auch von ihnen denken würden, wenn sie sie denn sehen könnten.
An einer solchen Betonhöhle stand auch der Hexenturm, der sie um ein Vielfaches mehr interessierte als die sauerstoffarme Betonhöhle, doch sie wussten, sie hatten keine Zeit, ihn sich anzusehen. Sie mussten weiter. Sie mussten weiter. Bergauf, den Häuserreihen entgegen. So liefen die Freunde in ihre Gedanken vertieft weiter, bis Kunold plötzlich stehen blieb und aufgeregt rief: „Schaut doch mal! Da an der Hauswand! Habt ihr das schon einmal gesehen?“
Sine und Delfinius wären fast über ihn gestolpert und die Fee musste ihren Flug so scharf abbremsen, dass sie wieder ins Trudeln kam. Sine fragte sich, ob sie nicht schon seekrank war, falls es solche Gefühle in der Feenwelt gab?
„Was meinst du denn?“, rief Delfinius und blickte sich neugierig um. „Ich sehe nur eine Menge Menschenhäuser und nichts Ungewöhnliches.“
„Aber schau doch“, antwortete Kunold, „sieh dir die Hauswand da vorne an. Siehst du denn nicht den Einhornkopf, der unterhalb des Daches befestigt ist?“
Tatsächlich, dachten Sine und Delfinius und starten den aus der Hauswand herausragenden Kopf an. Das gib es doch gar nicht!
„Ja, ich verstehe das auch nicht“, rief Kunold aufgeregt. „Ich dachte immer, die Menschen glauben nicht an uns. Sie nehmen nicht nur uns nicht wahr, sondern auch unsere Einhörner können sie nicht sehen. Normalerweise! Und nun das? Hier gibt es vielleicht doch Menschen, die nicht nur an uns glauben, sondern uns auch sehen können?“ Kunold wischte sich eine Freudenträne aus dem Gesicht und fügte hinzu: „Das wäre so wunderbar.“
„Es gibt durchaus Menschen, die uns sehen können“, antwortete Sine. „Wir haben dir doch von dem kleinen Mädchen erzählt, das auf unserer Naturwesenkonferenz im Steinbruch Michelnau war. Sie hat uns nicht nur sehen können, sondern hat uns auch geholfen Mutter Erde zu heilen.“
„Ist das wahr?“, rief nun die Fee aufgeregt. „Ich habe davon gehört. Aber ich dachte, das sei nur ein Gerücht, um uns Mut zu machen, die Hoffnung nicht aufzugeben. Gibt es dieses Kind wirklich?“
„Ja“, bestätigte Delfinius. „Aber das Kind ist noch klein und wird kaum dieses Einhornbildnis an der Wand befestigt haben.“
„Aber vielleicht hat sie den Menschen, die hier leben, davon erzählt?“
„Wer weiß“, murmelte Kunold. „Oder es gibt noch mehr Menschen, die uns sehen können?“ Ein hoffnungsvolles Strahlen machte sich nun auf seinem Gesicht breit.
„He, könnt ihr nicht zur Seite gehen?“, ertönte eine ärgerliche Stimme hinter ihnen. „Ihr steht mitten auf dem Gehweg. Muss das sein?“
Die Reisenden fuhren zusammen und drehten sich aufgeregt um. War das etwa ein Menschenwesen, das sie sehen konnte? Hinter ihnen stand jedoch ein älterer grauhaariger Zwerg, der mit einem dunklen Anzug und einem Hut bekleidet war, der in der Mitte verbeult war. Die Reisenden fragten sich, was das für ein merkwürdiger Zwerg war? Er hatte in der einen Hand einen Aktenkoffer und in der anderen Hand trug er einen Porzellankrug. Er machte einen recht eigenartigen Eindruck. Einem solchen Zwerg waren sie auf all ihren Reisen noch nicht begegnet.
„Könnt ihr nicht endlich beiseite treten?“, fragte der Zwerg und wirkte nun noch ungeduldiger. „Ich habe es eilig. Die Brunnenmädchen machen bald Feierabend und warten nicht auf mich.“
„Die Brunnenmädchen?“, fragte Sine, während sie eilig zur Seite trat. Delfinius und Kunold rührten sich nicht von der Stelle und starrten den Zwerg mit dem sonderbaren Hut fassungslos an. Was hatte der Gärtnerzwerg gesagt? Sie könnten in der Stadt nach dem Weg fragen, sollten sich aber nicht wundern, wenn die Bewohner anders aussehen würden, als sie erwartet hätten. Und damit meinte er wirklich nicht die Menschen.
„Wo sind denn die Brunnenmädchen?“, hakte Sine nach, während der Zwerg sich an Delfinius und Kunold vorbei zwängte und ihre vorherige Frage ignorierte. „Wir möchten nämlich zu den Quellen im Kurpark“, fuhr Sine unbeirrt fort. „Sind dort die Brunnenmädchen?“
Der Zwerg blieb nun stehen und schaute Sine etwas milder an. „Ah, seid ihr auch Kurgäste? Dann möchte ich nicht so sein, dann werdet ihr hier wohl noch viel lernen müssen.“ Er machte eine kurze Pause und fügte hinzu: „Gehört sie auch zu euch?“. Bei diesen Worten deutete er auf die Fee, die sich inzwischen auf seinen Hut gesetzt hatte.
„Ja“, antwortete Sine und musste sich ein Kichern verkneifen. Der Anblick war einfach zu schön.
„Also gut“, brummte der Zwerg. „Dann begleitet mich, wenn ihr möchtet. Ich zeige euch den Quellenpark. Aber bitte trödelt nicht. Der Ausschank schließt bald. Falls das Gewitter losgeht möglicherweise noch früher als üblich.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er zielstrebig den Gehweg weiter bergauf und ließ seinen Gehstock im gleichmäßigen Takt auf den Beton klackern. Die Reisenden hatten Mühe, mit ihm Schritt zu halten und selbst die Elfe, die sich wieder in die Luft erhoben hatte, kam kaum nach.

Sie folgten dem Zwerg über eine belebte Einkaufsstraße. Wie interessant es hier war! Wenn sie doch nur mehr Zeit gehabt hätten! Die Straße war überfüllt von Zwergenfrauen in bunten geblümten Kleidern. Die Hüte und Kopftücher, die ihre Köpfe schmückten, waren ebenso farbenfroh und ließen ihre Lebensfreude erahnen. Sie trugen Weidenkörbe, aus denen Gemüse ragte, und an ihren Händen hielten sie kleine quengelnde Kinder. Ach, wenn die Menschen das doch sehen könnten, dachte Sine. Wie ähnlich wir uns doch manchmal sind. Sie fragte sich wieder einmal, wer von wem beeinflusst wurde? Waren es die Zwerge, die die Menschen nachahmten? Oder waren es die Menschenwesen, die unbewusst von den Farben und den Energien des Zwergenvolkes beeinflusst wurden? Die Ähnlichkeit war oft erstaunlich, wenn sich ihre Reiche auch grundlegend unterschieden. Hier sah man das jedoch nicht auf den ersten Blick.
„Wir sind bald da“, rief der vorauseilende Zwerg zum Erstaunen der Reisenden. Er war kurz stehengeblieben und blickte über seine Schulter, als schaue er, ob sie noch da seien. „Dies ist das Kurhaus der Menschen“, fuhr er fort und zeigte auf ein längliches Gebäude, vor dem einige Zwerge und Menschen auf Bänken in der Sonne saßen und zu einem sprudelnden Brunnen blickten. „Das Wasser ist ungenießbar“, fügte er hinzu. „Ich sage es nur, da ich letztens einen sehr merkwürdigen Sonnenengel sah, der sehr sorglos aus dem Brunnen hinter diesem Gebäude im Park Wasser trank.“
Sine und Delfinius durchzuckte es und sie schauten sich an. Ein merkwürdiger Sonnenengel? Ob das Aurora war? Aber nein, wieso sollte sie denn ausgerechnet hier sein? Sie war sicher auf Hawaii? Oder … hatte man sie auch von dort hierher geholt?
„Können wir weiter?“, fragte der Zwerg nun wieder sichtlich ungeduldig. „Was ist denn mit euch? Ich werde euch richtig gutes Sprudelwasser zeigen.“
„Was war das für ein Sonnenengel?“, beeilte sich Sine zu fragen. „Wie sah er denn aus?“
„Er war zitronengelb, wie es sich für einen solchen Engel gehört“, antwortete der Zwerg. „Aber er hatte so eine komische Blumenkette an. Als wäre er aus Hawaii. Also ich fand das sehr merkwürdig. Andererseits, es gibt hier einige Kurgäste, die mir Rätsel aufgeben.“ Dabei musterte er die drei Reisenden, die nun neben ihm standen, und die Fee, die um den Brunnen flog und freudig lachte, wenn sie ein paar Wasserspritzer abbekam.
Sine und Delfinius beachteten den Blick des Kurzwerges nicht und strahlten sich hoffnungsvoll an. „Aurora!“, rief Sine. „Das war bestimmt Aurora!“
„Aurora?“, wiederholte der Zwerg und schaute Sine verständnislos an. „Ich kenne nur Nordlichter, die man Auroras nennt. Wovon redest du?“
„Ich meine den Sonnenengel Aurora“, erklärte Sine. „Sie kommt aus Hawaii und ist bestimmt in dieser Stadt unterwegs.“
„Zur Kur?“, fragte der Zwerg höchst irritiert. „Dann soll sie aber aufpassen. Wenn sie weiter von dem falschen Brunnenwasser trinkt, kommt sie bestimmt nicht gesünder nach Hawaii zurück, sondern ganz im Gegenteil am Ende noch krank. Gibt es denn keine Heilquellen mehr auf Hawaii? Sind die Vulkane dort plötzlich ausgetrocknet? Was will sie hier? Sonderbar“, brummte er vor sich hin, ohne Sine noch einmal zu Wort kommen zu lassen. Er schaute auf seine Taschenuhr, die mit einer Kette an seiner Weste befestigt war und fuhr erschrocken zusammen. „Ist es wirklich schon so spät? Ich finde das alles höchst merkwürdig, würde gerne mehr von euch erfahren, doch haben wir dafür keine Zeit. Wir müssen weiter. Ihr wisst doch, die Brunnenmädchen warten nicht. Und wenn es nun auch noch Gewitter gibt, machen sie vielleicht noch früher als gewohnt Feierabend und dann müssen wir am Ende auch noch von diesem toten Wasser trinken. Das wäre nicht auszudenken.“ Und schon machte er sich auf den Weg und lief an dem länglichen Gebäude vorbei, das die Menschen als Kurhaus bezeichneten und das er mit keinem weiteren Blick mehr beachtete. Das Klackern seines Spazierstockes riss die Naturwesen aus ihren Gedanken und sie beeilten sich, hinter dem grimmigen Zwerg herzulaufen.

Mehr wird von Auroras zweitem Abenteuer nicht verraten... :-)

Mehr erfährt man hier und auf Auroras Lesungen und Buchvorstellungen...